Panzerkörper. Sibylle Rupperts Anatomie der Gewalt
Sibylle Ruppert (geb. 1942 in Frankfurt/Main, gest. 2011 in Paris) verarbeitete in ihren Arbeiten frühe Ängste und Kriegserfahrungen. In jener Nacht geboren, in der Frankfurt zum ersten Mal massiv bombardiert wurde, verbrachte sie ihre Kindheit zwischen Kinderzimmer und improvisiertem Luftschutzkeller. In ihren detailreichen Zeichnungen, Malereien und Collagen beschäftigte sich Ruppert mit ihren Traumata und den Rissen, die sie hinterlassen. Ihre Werke offenbaren eine Bildsprache, in der Körper einander bedrohen und zu grotesken Wesen verschmelzen. Inspiriert von Autoren wie Georges Bataille, Comte de Lautréamont und Marquis de Sade sowie den Künstlern Francis Bacon und HR Giger schuf Ruppert surreale erotische und dystopische Bildwelten — ein eigentümliches Œuvre in braunen und grauen Farbtönen. 2010, ein Jahr vor ihrem Tod, wurde der Künstlerin eine Retrospektive im HR Giger Museum in Greyerz gewidmet.
Ich habe über Sibylle Rupperts hypermuskulöse, insektoide Männerkörper aus den 1970ern und 80ern geschrieben: Fleisch verschlungen mit Metall, Panzer, die aufbrechen, Stahl, aus dem Körperflüssigkeiten laufen. Gelesen mit Klaus Theweleits „Männerphantasien“, das im selben Jahr erschien wie Rupperts Panzerbilder, zeigt sich eine Dialektik: Der Panzer existiert nur, weil die Angst vor der Auflösung so übermächtig ist. Anders als bei ihren feministischen Zeitgenossinnen geht es Ruppert nicht um die Befreiung des weiblichen Körpers, sondern um die Zersetzung männlicher Körperphantasien – und anders als H. R. Giger feiert sie das Techno-Organische nicht als Zukunftsvision, sondern entlarvt es als Regression. Ruppert war akribisch bis zur Zärtlichkeit, und ihre Bilder sind heute womöglich gegenwärtiger denn je.
Erschienen in: Sibylle Ruppert – Dark Light on White Shadow, hg. von Nadia Ismail (Kunsthalle Gießen) und Paul J. Walter (Estate Sibylle Ruppert), DISTANZ Verlag, Mai 2026. 296 Seiten, 100 Farbabbildungen, mit weiteren Essays von Kate Brown, Nadia Ismail, Vera Kattermann und Paul J. Walter.






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