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Philip Grötzinger: Manntje, Manntje, Timpe Te

31. Mai
5 Min. Lesezeit

Dieser Text ist für die gleichnamige Ausstellung in 68 Projects der Berliner Kornfeldgalerie entstanden.


Grimmsche Märchen sorgen verlässlich für Entsetzen. Denn, naja, sie sind nicht gerade friedvolle Gutenachtgeschichten. Und sie sind schon gar nicht für Kinder. Vielmehr landet man schnell mal bei abgehackten Händen, ausgestochenen Augen oder Verbrennungen höheren Grades. Ganz ohne Triggerwarnungen.

Die Grimmschen Märchen waren zunächst eine Sammlung mündlicher Erzählungen, und man kann sich ganz gut vorstellen, wie sie vorgetragen wurden: hingebungsvoll, spannungsgeladen, mit einem Gespür fürs Timing und mit einem Funken Humor, der das Grauen zwar nicht aufhebt, aber erträglich macht. Das Publikum sollte erschaudern, aber auch lachen und sich sicher fühlen, weil die Erzählung eine Ordnung versprach, die man sonst vermisste. So wird am Ende der Märchen das Böse bestraft, das Gute belohnt, die Welt ist wieder heile. Es war befriedigend, wenn es dem Bösewicht an den Kragen ging. Diese niederen Instinkte muss man sich wohl eingestehen.

Philip Grözinger scheint sich für diese Funktion des Erzählens zu interessieren, wenn er seinerseits die subtilen Abgründe und Widersprüchlichkeiten in Bilder und Motive fasst. Sie sind bunt genug, um die Betrachtenden reinzuziehen, und irritierend genug, um sie nicht wieder loszulassen. Es kommen außerdem immer wieder auch niedliche Elemente zum Einsatz, die davon zeugen, dass Grözinger jenen – unseren – Instinkten mit großzügiger Nachsicht begegnet.

Für seine neue Ausstellung war das Märchen „Der Fischer und seine Frau“ impulsgebend. Zur Erinnerung: Ein Fischer fängt einen verzauberten Butt und lässt ihn wieder frei. Als seine Frau davon erfährt, schickt sie ihn zurück ans Meer, um sich vom Butt eine bessere Hütte zu wünschen. Aber es bleibt nicht bei der Hütte. Sie will immer mehr, erst ein Schloss, dann Königin sein, Kaiserin, Päpstin; und all das wird ihr gewährt. Doch als sie schließlich Gott werden will, ist es zu viel. Der Butt nimmt den beiden alles, und sie landen wieder in ihrer alten, ärmlichen Hütte.

Es gibt diesen Moment in der Erzählung, an dem man emotional besonders hängen bleibt. Das Meer ist längst schwarz, der Himmel nur noch eine einzige Drohung, und der Fischer steht trotzdem wieder am Strand und ruft zögerlich seinen Spruch – Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See – obwohl er längst ahnt, dass es diesmal zu viel ist. Trotzdem ruft er, weil seine Frau es erwartet. Grözinger hat diesen Moment zum Titel seiner Ausstellung gemacht. Manntje manntje timpe te ist der Augenblick, in dem man ruft, obwohl man die Antwort bereits fürchtet, aber noch das Gegenteil hofft. Man kann diesen Satz, wenn man denn möchte, als Allegorie auf die Gegenwart lesen: Unseren Umgang mit der Klimakrise, in der wir das Meer buchstäblich gegen uns aufbringen, weil wir nicht aufhören können, immer mehr zu nehmen. Oder den Wachstumszwang einer Ökonomie, die „genug“ nicht als Kategorie kennt. Oder einer technologischen Zivilisation, die glaubt, alles beherrschen zu können, und dabei in einem Boot sitzt, das längst kentert. Man muss das aber nicht.

Grözinger ist für seine bunte, spielerische Bildsprache bekannt, die sich irgendwo zwischen Romantik, Surrealismus, Neue Wilde und dem visuellen Repertoire von Retro-Videospielen verorten lässt. Da gibt es viele grinsende Wesen – vom Fischer bis zur Currywurst –, nur die leuchtendsten Blumen, Cowboys mit Regenbogen-Revolvern, Pixelhunde. Alles ist energetisch gemalt; doch so eklektisch sich das auch lesen mag, es funktioniert so gut, weil Grözinger letztlich auch ein Erzähler ist. Er erzählt über Leinwände, Objekte und Räume hinweg. Figuren tauchen auf, verschwinden, kehren wieder. Der Fisch begegnet uns hier als Goldfisch, dort als Butt, überall. Seine Bilder, Objekte und Installationen entstammen einer eigenen Welt mit eigener Mythologie, eigener Physik, ja sogar eigenem Wetter. Und das Wetter, das muss man schon sagen, ist gerade sehr wechselhaft bis stürmisch.

Für die Ausstellung hat Grözinger seinen Bildkosmos einmal mehr ins Dreidimensionale erweitert. Neben den Gemälden finden sich sorgfältig platzierte skulpturale Elemente. Darunter: eine Waschmaschine. Sie ist – das mag jetzt überraschen – vielleicht das poetischste Objekt der ganzen Ausstellung. Nicht nur weil sie selbst und im Inneren ihrer Trommel Wasserwellen schlagen kann, genauso wie das Meer im Märchen. Sondern weil sie für das steht, was bleibt, wenn die Wünsche alle erfüllt und schließlich wieder zurückgenommen wurden. Am Ende müssen der Fischer und seine Frau zurück in die armselige Hütte. Zurück zum Wäsche-Waschen, sozusagen. 

Grözingers Malerei „will nich so wie ik wol will“, das den konzeptionellen Kern dieser Ausstellung bildet, zeigt den Moment maximaler Spannung. Das Meer hat sich aufgebäumt, nicht als Kulisse, sondern als Akteur. Die Wellen sind keine Wellen mehr, sie sind Farbereignisse. Blau, Violett, Orange, ein Mahlstrom, der das gesamte Bild in Rotation versetzt. Der Butt, dieses grünlich-goldene Wesen, sitzt oben auf der Welle und schaut herab, mit einem Ausdruck, der sich zwischen Spott und Mitleid nicht entscheiden kann. Und unten, im Zentrum des Chaos, balanciert der Fischer in seinem Boot, hält eine Angel oder ein Laserschwert oder eine Regenbogenpistole gegen die Gewalt dessen, was da auf ihn zukommt. Am rechten Bildrand findet man einmal mehr Leitern, die ins Nichts führen. Man darf sie gerne als architektonische Form von „höher, schneller, weiter“ lesen, als Aufstiegsinstrumente ohne Ziel, Karriereleitern ohne oberes Ende. Und das Fischen nach dem großen Fang – dem Butt, dem Wunscherfüller, dem Jackpot – darf hier als Metapher für ein gefährliches Spiel verstanden werden, das wir alle spielen. Natürlich ohne es Spiel zu nennen. Wir nennen es Wachstum, Ambition, das Beste aus dem Leben machen. Und mit jedem erfüllten Wunsch wird das Meer ein bisschen dunkler und der Himmel ein bisschen bedrohlicher. Trotzdem rufen wir weiter. Weil die Alternative wäre, sich wieder ins ärmliche Haus zu setzen und damit zufrieden zu sein.

Nun merkt man aber Grözingers Fischern und Cowboys und Wesen etwas an, das auch für die Interpretation der Geschichte entscheidend ist: Sie wollen das alles gar nicht. Sie sind zufrieden. Der Fischer hätte den Butt schwimmen gelassen und wäre nach Hause gegangen, aber er steht unter dem Druck seiner Frau, mehr zu wollen. Dieser soziale Druck ist stärker ist als die eigene Zufriedenheit. Das ist vielleicht die subtilste und aktuellste Pointe des Märchens, insbesondere in Grözingers Interpretation. Nicht nur die Gier ist das Problem, sondern die Unfähigkeit, sich gegen die Erwartung zu wehren, gierig sein zu müssen. 

Es wäre einfach, diese Ausstellung als Kulturkritik abzuhaken. Konsumgesellschaft, die Hybris des Immer-Mehr. Aber Grözinger moralisiert nicht. Er zeigt etwas, das bunt und einladend und absurd und liebevoll und traurig ist, sodass man sich vielleicht ertappt, aber nicht belehrt fühlt. Seine Figuren sind keine Karikaturen. Wenn sie auf ihren Seiten balancieren oder sich an leuchtenden Gymnastiknudeln festhalten, spiegeln sie uns Gegenwartsmenschen in all unserer komischen Verzweiflung. Und man schaut ihnen dabei zu und denkt: Ja, das könnte ich sein.

Das Märchen vom Fischer und seiner Frau endet damit, dass alles auf Anfang gesetzt wird. Grözinger ist da gnädiger als die Brüder Grimm. Seine Ausstellung endet nicht in der ärmlichen Hütte. Sie endet mit einer Karaoke-Anlage. Hauptsache, es wird gesungen.



 
 
 

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